ZENCEFİL – erste Einkäufe auf Türkisch

Letzte Woche ist mir der Nebel in der Zisterne doch ein bisschen zu feucht geworden und ich hab mich spontan verkühlt. Wenn man so kurzfristig krank wird und vergessen hat einzukaufen, ist selbst eine Privatwohnung mit großartiger Aussicht nicht so luxuriös wie eine heimelige Studenten-WG. Aber zum Glück ist der nächste Tante-Emma-Laden tatsächlich direkt gegenüber, ich muss mir also nur überlegen, ob ich den Heimweg in den 3. Stock in kauf nehmen will. Ein stärkender Zitronen-Ingwer-Tee ist mir die Reise wert. Unten angekommen packe ich gleich eines meiner neuen Wörter aus und frage tapfer: Zencefil var mı? “Gibts Ingwer?” Leider knackst Onkel Emma mein sprachliches Selbstvertrauen gleich an, indem er einfach überhaupt nix versteht. Weder Türkisch, noch Englisch, noch irgendeine andere Sprache. In meiner Not kritzle ich ihm das Wort auf ein alte Rechnung und eine krakelige Zeichnung von einer Ingwerwurzel gleich dazu. Umsonst.

Während ich mich verzweifelt umsehe, ob er irgend etwas anderes hat, das mir bei meiner Verkühlung helfen könnte, betritt ein anderer Kunde den Laden. Ahhhh! Die Erlösung! Er spricht Englisch und Deutsch und versteht mich sofort. Zencefil var mı? fragt er und bekommt die gleiche Antwort. Tja… Allerdings hat er zufällig getrockneten Ingwer zuhause und verspricht, mir ein Stück zu schenken. Ich begleite ihn ein paar Stufen das Gässchen hinunter zu seiner Wohnungstüre, wo er mich aus Respekt nicht hineinbittet – nicht, dass die Nachbarn das falsch verstehen… Er erzählt mir aber von seiner Arbeit als Filmemacher und lädt mich herzlich ein, mal wieder zu kommen.

Wenige Minuten später stapfe ich die paar Treppen wieder hoch, mit einem Schatz in meiner Hand, der der verhutzelten Ingwerwurzel auf dem Kassenzettel gar nicht mal so unähnlich sieht. Und prompt und treffe ich vor dem Haus auf Onkel Emma, der schon ganz wissbegierig wartet: Zencefil? Aaaaaah… Zencefil, zencefil… Da hab ich dem Herrn also was beibringen können. Das nächste Mal ist er wieder dran! 😉

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Gröttenölmler – Die Grottenolme

Wie ich manchen von euch noch vor meiner Abreise persönlich erzählt hab, gehts in meinem Praktikum darum, einer alten Zisterne in Form einer Ausstellung oder Installation ihre Seele als Wasserspeicher zurückzugeben. Diese Zisterne ist tatsächlich gleich hinter der berühmten Sultan Ahmet Moschee im historischen Zentrum Istanbuls, aber nein, es ist nicht die berühmte Yerebatan Sarnıcı, sondern eine kleinere Zisterne im Keller eines großen, hoch touristischen Teppichladens. Während ahnungslose Touristengrüppchen in den oberen Stockwerken einen Einblick in die Welt der kunstvoll handgeknüpften Seidenteppiche bekommen oder orientalische Keramik und Schmuck bestaunen, hocken wir Künstler unten in der Zisterne und produzieren Nebel und Lichteffekte. Beziehungsweise machen das mit Vorliebe die anderen 5, ich kann oft in trockenere Gefielde flüchten und in der Kantine arbeiten. Manchmal brauche ich aber auch gar nicht zur Zisterne zu fahren, dann arbeite ich von daheim aus. Dafür hab ich mir aus einem Mini-Tischchen, dem Bügelladen und einem wunderbaren Sperrholzbrett, das ich davor gerettet habe, zertrümmert auf dem Müll zu landen, einen richtigen Schreibtisch am Fenster gebaut.

Meine Aufgabe ist es vor allem, mich um das graphische “Rundherum” der Ausstellung zu kümmern. Jetzt gerade tüftle ich an einem Logo für die Ausstellung, gleichzeitig mache ich mir Gedanken darüber, wie die Ausstellung präsentiert und angekündigt werden kann. Oft laden mich die Künstler auch dazu ein, meine Meinung zu ihren Lichtexperimenten abzugeben, kreiere mit ihnen neuen Ideen oder spiele einfach eine Runde mit den Lichtstrahlen im Nebel. Es kann aber auch passieren, dass mich die Grottenolme als Botin mit einem Sack voller Kabel zum Elektroladen schicken.

Bilder_einer_Ausstellung

Die Grottenolme, das sind in Wirklichkeit ganz nette Leute. Der Kern der Künstlergruppe Yoğunluk “Dichte” und meine Hauptansprechpartner sind İsmail, seine Frau Nil und ihre Kollegin Elif. Und dann gibts da noch 2 Künstler, mit denen Yoğunluk zusammenarbeitet: Buşra  und Nezih. Die meisten von ihnen können ganz gut Englisch, aber im Arbeitsalltag kommt es natürlich oft vor, dass eine Besprechung früher oder später ins Türkische abdriftet und ich ganz sprichwörtlich daneben stehe.

Was noch zu den Fakten gehört, die ich euch gerne auftischen würde, wären eigentlich Arbeitszeiten. Aber die sind so ein Ding für sich. Sie existieren nicht so wirklich. Schon in dem Sinn, dass wir arbeiten, aber definitiv nicht in dem Sinn, dass abzusehen wäre, wann. Heute hab ich um 10 vor 12 ein SMS bekommen, ob ich um 1 in der Zisterne sein kann. Nein, konnte ich nicht, weil ich am Sonntag mal mit gutem Gewissen zum Yoga geh und das Handy erst danach wieder einschalte – ich war also erst am Nachmittag dort… Dafür kanns auch passieren, dass sie am Freitag in der Früh sagen: “Du hast heit frei, weil du hast vü Goid ausa aus da Zisterne, Engerlinge…” [Zitat für Valentin]. Naja, das mit dem Gold ist leider noch nicht vorgekommen, und was die Engerlinge betrifft… wer weiß, vielleicht gibt es sie ja doch. Auf jeden Fall lässt sich die Freizeit etwas schwer planen, wenn sie so unvermittelt kommt.

Was allerdings schon fix ist, ist die große Deadline, auf die wir alle hin arbeiten: am 27. März ist die Eröffnung der Ausstellung Su Ruhu – “Wasserseele”. Bis dahin wirds noch stressig!

Ich werde wieder sesshaft

Ich bin also trotz Schneegestöber, Blitz und Donner gut angekommen in meiner super feinen Wohnung. Ich wohne 7 Gehminuten vom Taksimplatz in einem angeblichen Chic-Viertel namens Cihangir. Die Gasse hinter dem Haus wirkt eher nicht so, aber der Ausblick aus dem Wohnzimmer sagt alles: Häuserflut, Bosporus – Himmel, Meer und Stadt!

bosporus-fruehstueck

Am Morgen blinzle ich bei Baklava und türkischem Kaffee über das Meer hinüber nach Asien. Dann spaziere ich eine steile Treppe hinunter, ein Gasserl entlang zum Meer um mich dort in die Pendler-Fluten zu stürzen und mit der Bim von Fındıklı “Mit Haselnuss” (genialer Name für meine heimatliche Bim-Station!) über das goldene Horn zu tuckern. Bei Sultan Ahmet bin ich wieder frei und hüpfe an der Blauen Moschee vorbei zu meinem Arbeitsplatz: Eine vernebelte Wasserzisterne im Untergund eines Teppichladens. Hier darf ich noch bis Mitte Mail, also 3 Monate mein Praktikum als Grafik- und Ausstellungsdesignerin machen.

Es steht die Moschee im Schnee – so sche!

Als wir am Faschingsdienstag sanft in Istanbul aufsetzen, informiert uns der Pilot über das Wetter vor Ort. Von Schnee spricht er und von kalten Temperaturen. Ich habe mich darauf gefreut, dem Frühling ein Stück näher zu kommen? Wie mein Mitbewohner Richi hat offenbar auch der Winter einen kurzen Abstecher nach Istanbul geplant und so stellen wir beide, als wir am Taksimplatz aus dem U-Bahntunnel auftauchen, erstaunt fest, dass uns ganz sanft der Himmel auf den Kopf fällt. Wie Kamele beladen stapfen wir durch die weiße Wüste und weichen dabei dem einen oder anderen Schneeball aus, der von der Schneeballschlacht zwischen den Straßenstandlern abhanden kommt.

Sultan Ahmet im tiefsten Winter

Auch der nächste Tag, der eigentlich den Beginn meines Praktikums mit sich bringen sollte, versinkt im Schneechaos, und zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Schneefrei! Dass ich dafür von den Alpen ans Meer fahren muss, habe ich allerdings wirklich nicht erwartet. Anders als viele Einheimische, darunter alle Studenten und meine Arbeitskollegen, lassen uns Richi und ich von 10 cm Schnee nicht einschüchtern und nützen die besondere Stimmung, um ganz touristisch die Stadt zu erkunden. Gleich zu Beginn holen wir uns richtig kalte Zehen auf den frostigen und teilweise verschneiten Teppichen der Blauen Moschee. Dafür belohnt uns der Himmel im Anschluss mit strahlendem Sonnenschein, der die weiße Kuppel- und Turmlandschaft in eine ganz besondere Atmosphäre taucht: Ich fühle mich wie in einem russischen Märchen! Dieser Eindruck verstärkt sich noch, als wir gleich darauf wieder im dichten Schneegestöber versinken. So schnell wir im matschigen Untergrund vorwärts kommen, flüchten wir uns in den Kapalı Çarsı, den Bedeckten Markt. Als sich das Schneegestöber wieder legt, machen wir einen Fotoausflug in zauberhaft verschneite Gässchen und fallen dann in ein typisches Teehaus ein. Hier wärmen sich Einheimische und Touristen bei Çay und Wasserpfeife gemeinsam plaudernd auf. Bei dem Auftakt bin ich ja mal gespannt, was die nächsten Monate so bringen werden!

Flaschenpost

Merhaba, hoşgeldiniz!

Hallo und willkommen auf meinem neuen Blog! Hier berichte ich über meine Zeit als Erasmus-Praktikantin in İstanbul. Ich werde mit der Künstler-Initiative Yoğunluk zusammenarbeiten und darf sie dabei begleiten, eine Installation zum Thema Wasser in einer historischen Zisterne zu erarbeiten.

Anstatt regelmäßig einen langen Artikel mit fixen Abschnitten zu schreiben, teile ich die Themen diesmal in Kategorien ein. Somit kann ich aktuelle Neuigkeiten, kleine Alltagsgeschichten und kuriose Fundstücke fangfrisch einrexen und sofort losschicken. Und das mach ich jetzt gleich – Stöpsel zu, und auf geht dieses erste Flascherl!

Ich wünsche viel Freude beim Lesen!