Türkische Sprache, schwere Sprache?

Bisher gefällt mir Türkisch sehr gut! Inzwischen habe ich die Sprachmelodie absorbiert und empfinde den Klang vokalharmonisch dahin rollender Silbenketten wie görüşürüz oder çayocağındayım als etwas angenehm Vertrautes. Auch ein paar Standardfloskeln von “Guten Morgen” bis “Ich mache ein Praktikum hier” habe ich schon intus. So richtig in Fluss will die Sprache in mir aber noch nicht kommen. Das liegt weniger an der aus indogermanischer Sicht ziemlich vertrackten Grammatik (sehr spannend!), sondern vor allem daran, dass ich die Grammatik nicht üben kann, wenn mir die ganzen neuen Wörter immer gleich wieder entwischen… Am Morgen sitze in der Straßenbahn und pauke die Vokabel, die ich über Nacht vergessen habe. Piş – schmutzig, temiz – sauber. Temiz, temiz, temiz! Jetzt merk ich’s mir aber wirklich mal! … Oder auch nicht…

In der Arbeit bemühe ich mich dann nach Kräften, das ganze türkische Gebrabbel rund um mich auszublenden und schaue ganz fest in meinen Computer rein. Plötzlich steht ein Gläschen Apfeltee neben mir. “Oh, ja… sehr nett! Teşekkür ederim! :)” Dann gehts weiter mit voller Konzentration, bis aus heiterem Himmel die große Hektik  ausbricht. Hui, der meint’s aber ernst! Der geht ja sogar mit dem Besen auf mich los! Ich kann grade mal meinen Computer in ein sicheres Eckerl schubsen und mein Handy schnappen, da sehe ich mich schon über die Teppiche sausen und auf der Terrasse verdutzt in die Sonne blinzeln. Etwas Gutes hat diese unverhoffte Arbeitspause definitiv: Ab jetzt gehört nicht nur temiz sondern auch gleich temiz yapmak, “sauber machen” fix zu meinem Vokabular.

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Stromausfall

An einem ganz normalen Nachmittag in Istanbul: Während die Gäste aus aller Welt scharenweise über den sonnigen Platz zwischen Blauer Moschee und Ayasofya marschieren, schaffen Licht- und Soundeffekte eine besondere Atmosphäre in “unserer Zisterne”. Ein kleines Grüppchen von Touristen stakst durch den unterirdischen Nebel, während ich ihnen von SU RUHU, der Wasserseele erzähle. Ein Licht wird stärker, ein anderes zeichnet flackernde Reflektionen auf die alten Mauern. Dann wird es gänzlich dunkel unter dem Teppichladen.

Auch oben in der Cayküche geht in diesem Moment das Licht aus. Einer der Çaycis gießt routiniert ein paar Gläser Tee auf, der andere starrt weiterhin auf den Fernsehschirm. Keiner zuckt mit der Schulter. Draußen in den Straßen rund um Sultanahmet fischen die Besitzer der kleinen Baklava-Läden Kerzen aus den Schubladen und stellen sie auf den Tresen, während vor den größeren Einrichtungen Generatoren anlaufen. Die Touristen stehen immer noch im Nebel und fragen sich langsam, warum man die Zisterne für Su Ruhu ganz so stockfinster machen musste. Unsere Technik reagiert auch auf kurze Unterbrechungen der Stromversorgung recht zickig, aber ansonsten ist man hier auf solche Zwischenfälle gefasst. Der Çayci oben starrt immer noch gerade aus auf den Bildschirm, auf den jetzt das Bild zurück kehrt. Während meine Kollegin im Halbstock das System neu startet, unterhalte ich unsere Gäste, und bald kommt auch unten das Licht zurück. Die Phasen der Installation sind jetzt total durcheinander, aber die Besucher merken nichts davon, die Tour nimmt ihren normalen Lauf. Als ich die Gäste nach oben begleite, sind sie schwer beeindruckt von Su Ruhu, erzählen meinen Kollegen, wie gut ihnen die Installation gefällt. Eine Dame fand es etwas dunkel. Aber trotzdem: sehr schön, vielen Dank!
Alles wie immer? Fast alles…

Ich verziehe mich schnell zum Mittagessen auf die Dachterrasse, bevor der nächste Schwall aus Deutschland auf den Seidenteppichen angespült wird. Nebelschwaden ziehen zwischen den Häusern durch, hinter den Dächern weht stolz eine türkische Flagge. Und ein mehrstimmiger Chor von Generatoren lässt die Luft vibrieren. Das dauert aber lange heute…

Als ich wieder in die Teeküche komme, sitzen einige Angestellte beim Mittagessen zusammen und verfolgen gespannt die Nachrichten. “Sıkıntı var. Elektrik yok. İstanbul’da, Türkiye’de” erklären sie mir. Es gibt Probleme: Nicht nur ganz Istanbul sitzt grade im Dunkeln, fast in der gesamten Türkei ist der Strom ausgefallen. Schon seit einiger Zeit erwartet man eine Erklärung, doch die Regierung hat nicht mehr zu sagen, als dass man nicht wisse, was passiert sei. Auch Sabotage wolle man nicht ausschließen. Auf die Idee sind so manche Zuseher vor den Bildschirmen allerdings auch schon gekommen. Die Kreativität von Politikern wenige Monate vor der Wahl sei nicht zu unterschätzen, meinen sie. Ein Neuankömmling berichtet von unterschwellig gespannter Stimmung in den Straßen. Ansonsten merke ich davon aber recht wenig. Solange der Generator läuft und der Strom an Touristen und Tee nicht versiegt, ist die Welt im Teppichladen heil.

Am nächsten Tag ist das Thema vom Tisch, verdrängt von einem stundenlangen Staatsbegräbnis. Die Nachricht vom erschossenen Staatsanwalt hat den Stromausfall in den österreichischen Medien gestern komplett in den Schatten gestellt. Heute ist sie auch hier Thema Nummer 1. Das Fernsehen zeigt viele rote Flaggen und eine beeindruckende Menge trauernder Menschen. Zwischendurch flimmert Werbung für Generatoren über den Bildschirm und erinnert dezent an den gestrigen Tag. Aber das fällt wahrscheinlich nur mir auf, die anderen sind gebannt von der Berichterstattung rund um den Staatsanwalt. Ganz nachvollziehen kann ich diesen drastischen Trendwechsel in der Berichterstattung nicht… Immerhin habe ich eines gelernt: solange es Tee und Touristen gibt, brauche ich mir keine Sorgen zu machen.

Bye, Bye Beyoğlu!

Ich bin übersiedelt (worden)! Ich wohne jetzt in Üsküdar, einmal quer nach Osten über das große Wasser rüber in einem einerseits moderneren, aber gleichzeitig spürbar türkischeren Viertel. Weniger internationales Künstler-Flair, mehr gut situierte türkische Pensionisten, (fast) kein vegetarisches Straßenessen. Ich darf hier in der sehr eleganten Wohnung von Nil’s Mutter wohnen, habe vom Wohnzimmer aus wieder eine wunderbare Sicht über das Meer – diesmal so nahe dran, dass ich das Meer riechen kann.

Mein Arbeitsweg führt mich ab jetzt wirklich täglich quer über den oder unter dem Bosporus durch, hinüber auf den anderen Kontinent. 😀 Entweder mit der brandneuen U-Bahn unten durch, oder stilecht bei einem Gläschen Tee und einem Sesamkringel mit der Fähre oben drüber. Das nenn ich Alltagsluxus! Bin schon gespannt, wie lange das so cool bleibt 😉

Es ist allerdings noch nicht ganz klar, wie lange ich hier bleiben kann. Vielleicht übersiedle ich bald wieder zurück in die Ferienwohnung nach Cihangir. Wenn neben der Arbeit und der jetzt endlich wieder vorhandenen Freizeit für soziale Kontakte und Stadterforschung genug Zeit für ausgiebige Recherche bleibt, ist mein Traum, mir ein eigenes Zimmer zu suchen, am liebsten im lebendigen und künstlerisch angehauchten Kadıköy. 🙂 Bis das konkret wird, genieße ich es, den Wind in Üsküdar, diesem für mich neuen Bezirk von İstanbul zu schnuppern.

Nachdem ich ein paar Wochen lang morgens in die Sonne geblinzelt habe, die sich langsam über den anatolischen Teil der Metropole erhob, genieße ich jetzt die letzten Sonnenstrahlen, während die orangene Scheibe nahe dem goldenen Horn hinter Europa versinkt. Und plötzlich klingen Morgenland und Abendland so natürlich und logisch, wie nie zuvor!

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Es wird ernst!

Morgen ist es also so weit! SU RUHU – Wasserseele – wird offiziell eröffnet!

Ich bin schon sehr gespannt! 🙂 Immerhin ist es meine erste Ausstellungseröffnung. Auch wenn ich in der letzen Zeit zur Ausstellung selbst nicht mehr ganz so viel beigetragen konnte. Ich war ja schwer damit beschäftigt, verschiedenste Informationsmaterialien zu gestalten. Wir haben jetzt Poster, Flyer, ein Video, Faltblätter in 3 Sprachen, ein großes Poster für den Eingangsbereich. Und wenn in Echt auch alles so gut klappt, wie in Photoshop, dann bekommt der Teppichladen morgen auch ein riesiges Plakat an der Fassade. Ich bin schon sehr neugierig! 🙂

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Auch darauf, wie SU RUHU im Endeffekt wirkt. Yogunluk und andere Künstler setzen ja gemeinsam eine alte Zisterne in Szene. Mit Nebel und Lichtinstallationen erwecken sie die ursprüngliche “Wasserseele” des Ortes wieder zum Leben. Die Ausstellung wird dann ein Monat lang laufen, bis Ende April. Und ich werde in dieser Zeit dann… hoffentlich eine neue Aufgabe bekommen 🙂

Künefe. Warum gibts das bei uns eigentlich nicht?

Ein für mich immer noch schräges Phänomen sind überbackene Nudeln mit Käse und Zucker. Mittlerweile sehe ich ein, dass viele Leute das nicht nur ganz normal finden, sondern hoch schätzen. Seit Rumänien verfolgt  mich dieses Gericht unter verschiedenen Namen, in Portugal haben sie mir Aletria als einmalige Nationalspeise vorgestellt und in İstanbul wollten zwei Einheimische am gleichen Tag mit mir Künefe essen gehen. Nur für mich, damit ich diese Spezialität ja kennen lerne, natürlich! Dass sie froh waren über den Vorwand, war offensichtlich. 😉 Etwas gewöhnungsbedürftig ist die Kombination ja schon, aber die Türken sind echt Experten, was Süßigkeiten angeht, das muss man ihnen lassen!

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Premiere!

Dütüüüüt, meeepmeep, blinkende Lichter, rumps, Tür auf, Tür zu, dütüüüt und weiter mit Vollgas! Lichter blinken und im Radio dudelt eine ziemlich orientalische Version von “Sway me more” – wie passend! Ich sitze eingepfercht in einem wild schunkelnden Minibus und bin ganz grün im Gesicht.

Heute war anders. Während ich beim Frühstück grüble, wie ich frischen Wind in den gerade etwas stockenden Arbeitsprozess bringen kann, ruft mich İsmail per Skype an und fragt, ob ich mir vorstellen kann, heute mal drüben bei ihm auf der anatolischen Seite İstanbuls zu arbeiten. Arbeiten und zugleich was Neues sehen? Da bin ich natürlich gern dabei! 🙂
Ich folge also Ismails Anweisungen und frage mich durch zum Dolmuş Richtung Suadiye Oteli. Ein Dolmuş ist eine Kreuzung aus einem Taxi und einem öffentlichen Bus. Es gibt eine fixe Route und sobald alle Plätze voll sind, gehts los. Ich habe offenbar richtig Glück mit dem Verkehr, denn innerhalb von 10 Minuten flitzen wir vom Taksim Platz, dem Zentrum des europäischen İstanbul, über die große Bosporus Brücke. Und schon bin ich – zum ersten Mal in meinem Leben – in Asien! Naja, so anders ist es hier auf den ersten Blick gar nicht… Nach rekordverdächtigen 25 Minuten Fahrzeit (statt der 90 zur Rushhour) spuckt mich der gelbe Flitzer an einem völlig unspektakulären Fleck Land wieder aus. Typisch Vorstadt. Ein paar mittelhohe Häuser, Grünstreifen, ein Hotel, ein Park & Ride Platz für Segelboote…
Bald taucht İsmail auf, führt mich um ein paar Blocks herum und schon sind wir wieder downtown. Die Bağdat Straße, erklärt er mir, ist länger als mein gesamter Schulweg zu Gym-Zeiten und die beliebteste Bummel-Meile des feinen İstanbul. Aber wir sind nicht zum Shoppen hier, sondern zum Arbeiten, also verziehen wir uns in das nächste Vapiano, wo wir bei Pizza und Cappuccino um die Wette in unsere PCs rein klopfen. Die Atmosphäre ist ungewohnt vertraut, wir könnten genau so gut in Wien sein, in München oder irgend einer anderen großen Stadt. Als eine Schar feiner Damen mit bunten Haaren einfällt, fühle ich mich gar wie in Hollywood – die Desperate Houswives lassen grüßen.
Irgendwann haben wir ein Resultat, mit dem İsmail zufrieden ist, und ein weiteres, das ihn so frustriert, dass er den Arbeitstag für beendet erklärt. Er gibt mir noch eine knappe Vorstellung davon, wie ich wieder heim komme, und schon ist er weg. So rein gefühlsmäßig, muss ich jetzt die breite Bağdat-Straße überqueren und irgendwo ein Dolmuş finden. Vielleicht vor dem Louis Vuitton-Laden? Ich bin noch nicht ganz drüben angekommen, da düst hupend und knatternd ein Dolmuş auf mich zu, reißt die Seitentür auf und hält dann neben mir an. Kadıköy?? frage ich skeptisch, und schon bin ich wieder in der Türkei. Neben mir quetscht sich ein junger Bursch auf die Rückbank, reicht meine 3 Lira nach vorne zum Fahrer und lehnt sich gelangweilt ans Fenster. “Sway me more” dudelt im Radio, und der Fahrer manövriert so schnell durch den Abendverkehr, dass ich kurz darauf seekrank in Kadıköy stehe und auf meine Fähre warte. Nach der Arbeit mit dem Boot von Asien nach Europa pendeln klingt vielleicht ein bisschen spektakulärer als es ist, ich genieße die 20-minütige Fahrt aber trotzdem. Bei einer Tasse Tee komme ich mit Fatma ins Gespräch, die diese Strecke täglich fährt. Sie gibt mir eine ganze Menge Tipps zu sehenswerten Orten in İstanbul und schenkt mir zum Abschied eine CD, die Freunde von ihr aufgenommen haben. 🙂

Der heutige Tag war echt eine nette Abwechslung zum Arbeiten daheim oder im touristischen Sultanahmet. 🙂

Genüssliche Arbeitspausen…

Ingwer zu kaufen mag vielleicht noch eine Herausforderung sein, es gibt aber auch Läden, wo ich schon sehr souverän auftrete: in der Baklaveria! Üç tane cevizli baklava ve iki tane fındıklı baklava ve bir kadayıf, lütfen. Baklava mit Nüssen, mit Pistazien und obendrauf ein Stück Kadayıf – bitte. Übung macht die Meisterin. Ich hab keine Ahnung, ob das grammatisch richtig ist, aber das Ergebnis ist goldrichtig und zuckersüß. Wenn ich alles aufgezählt habe, was ich benennen kann, ist die Schachtel voll. Und spätestens dann fliege ich auf. Sobald der nette Mensch auf der anderen Seite des Tresens mir den Preis für mein süßes Vergnügen verrät, schau ich ihn unweigerlich mit großen Augen an. Nicht, weil ich den Preis zu teuer finde – ich habe einfach keine Ahnung, was er sagt. Dann muss er mir doch in den Taschenrechner tipseln, wie viel er von mir bekommt. Oder peinlicherweise auf Englisch wechseln…

Sobald ich mit dem Goldschatz daheim bin, habe ich die Peinlichkeit aber auch schon wieder vergessen. Bei frischem, türkischem Kaffee und Baklava lasse ich meine Blicke über den Bosporus schweifen, während unten die Kater zanken und oben die Möwen kreischen. Kann man eine Überdosis Baklava erwischen? Ich werds ausprobieren und euch dann davon berichten. Wenn nicht, dann wisst ihr ja, was passiert ist!