Category Archives: Schnappschuss

Szenen aus dem Leben

Wasserseele

Ein paar Tage noch, dann geht “unsere” Ausstellung Su Ruhu Wasserseele auch schon wieder zu Ende. Schade! Damit ihr euch zumindest ein vages Bild davon machen könnt, wofür meine Kollegen (und ich) fast 2 Monate lang gearbeitet haben, erlaube ich mir, einen Auszug aus einem Mail an einen Freund mit euch zu teilen.

Su Ruhu kannst du dir zum Beispiel so vorstellen:

Du kommst die Treppen in die dunkle Zisterne hinunter. Wenn du zufällig grade den Anfang eines Zyklus erwischst, ist es unten stockfinster. Wenn du eine alte Dame bist, hast du jetzt Angst und wartest lieber draußen in der Sonne auf deine Reisegruppe. Sonst gehst du tapfer weiter, über den feuchten, etwas rutschigen Holzboden in die Dunkelheit hinein. Du bemerkst, dass quer über deine Beinen eine helle Linie verläuft. Eigentlich sieht’s so aus, als würdest du im Wasser stehen, und es klingt auch so, wenn du aufstapfst (der Nebel hinterlässt ordentliche Pfützen da unten). Dann steigt der Wasserspiegel. Vielleicht hast du Lust, in diesem Nebelmeer vor deinem Bauch herumzuspielen. Dann steigt der Spiegel weiter, du überlegst, ob du dir Sorgen machen musst, gleich zu ersticken. Aber es ist ja nur die Wasserseele, kein echtes Wasser, dass dir bis zum Hals steht, bald über deinem Kopf schwebt. Dann macht es leise tsssssssss und Nebel fällt von oben auf die helle Schicht, malt schöne Muster rein, macht dein Gesicht und deine Haare feucht. Plötzlich wird es ganz, ganz dunkel, sphärische Klänge vermitteln das Gefühl, ganz tief ins Wasser eingetaucht zu sein. Wenn du eine mittel alte Dame bist, sagst du jetzt zur österreichischen Touristenführerin: “Sehr beeindruckend, sehr schön!” und eine halbe Sekunde später zu deinem Mann: “Ich geh dann mal hoch”. Dadurch verpasst du leider, wie es in der Ferne, am Ende der Zisterne ganz, ganz langsam hell wird. Eine großes, blau schimmerndes Licht zieht dich weiter rein zwischen die im Nebel versunkenen Säulen und geht langsam wieder aus. Dafür werden jetzt links und rechts die Wände der Zisterne sichtbar, Wasserreflexionen tanzen über die alten Mauern, das Licht geht rhythmisch an und wieder aus, die Zisterne atmet im Rhythmus der Wasserseele. 1000x1000_190Dann wird es wieder dunkel, bald bemerkst du, wie der Wasserspiegel zu sinken beginnt, du freust dich darauf, noch einmal den Moment erleben zu dürfen, in dem du mit dem Wasserspiegel auf Augenhöhe bist, bevor er ganz absinkt und deine Knöchel umspielt. Wenn du ein aufgeschlossener Tourist bist, gehst du langsam wieder rauf, bedankst dich freundlich, schenkst den Künstlern ein Lächeln und sagst: “Very nice, thank you!” 🙂 bevor du von den netten Herren im Erdgeschoss ein Gespräch verwickelt wirst und gleich eine ganze Menge über Teppiche erfährst. Wenn du aber ein Kunst-interessierter Mensch, egal welchen Alters bist, bleibst du gleich unten und gibst dir den nächsten Zyklus. Wenn du rauf gehst, bist du ganz verpeilt, strahlst über das ganze Gesicht und sagst der freundlich lächelnden türkischen Künstlerin: “Wunderbar, ich bin begeistert! Sehr beeindruckend! Vielen Dank! Sehr schön!!!”, nimmst dir noch einen Flyer mit und bemerkst die Teppichmeier gar nicht.

Premiere!

Dütüüüüt, meeepmeep, blinkende Lichter, rumps, Tür auf, Tür zu, dütüüüt und weiter mit Vollgas! Lichter blinken und im Radio dudelt eine ziemlich orientalische Version von “Sway me more” – wie passend! Ich sitze eingepfercht in einem wild schunkelnden Minibus und bin ganz grün im Gesicht.

Heute war anders. Während ich beim Frühstück grüble, wie ich frischen Wind in den gerade etwas stockenden Arbeitsprozess bringen kann, ruft mich İsmail per Skype an und fragt, ob ich mir vorstellen kann, heute mal drüben bei ihm auf der anatolischen Seite İstanbuls zu arbeiten. Arbeiten und zugleich was Neues sehen? Da bin ich natürlich gern dabei! 🙂
Ich folge also Ismails Anweisungen und frage mich durch zum Dolmuş Richtung Suadiye Oteli. Ein Dolmuş ist eine Kreuzung aus einem Taxi und einem öffentlichen Bus. Es gibt eine fixe Route und sobald alle Plätze voll sind, gehts los. Ich habe offenbar richtig Glück mit dem Verkehr, denn innerhalb von 10 Minuten flitzen wir vom Taksim Platz, dem Zentrum des europäischen İstanbul, über die große Bosporus Brücke. Und schon bin ich – zum ersten Mal in meinem Leben – in Asien! Naja, so anders ist es hier auf den ersten Blick gar nicht… Nach rekordverdächtigen 25 Minuten Fahrzeit (statt der 90 zur Rushhour) spuckt mich der gelbe Flitzer an einem völlig unspektakulären Fleck Land wieder aus. Typisch Vorstadt. Ein paar mittelhohe Häuser, Grünstreifen, ein Hotel, ein Park & Ride Platz für Segelboote…
Bald taucht İsmail auf, führt mich um ein paar Blocks herum und schon sind wir wieder downtown. Die Bağdat Straße, erklärt er mir, ist länger als mein gesamter Schulweg zu Gym-Zeiten und die beliebteste Bummel-Meile des feinen İstanbul. Aber wir sind nicht zum Shoppen hier, sondern zum Arbeiten, also verziehen wir uns in das nächste Vapiano, wo wir bei Pizza und Cappuccino um die Wette in unsere PCs rein klopfen. Die Atmosphäre ist ungewohnt vertraut, wir könnten genau so gut in Wien sein, in München oder irgend einer anderen großen Stadt. Als eine Schar feiner Damen mit bunten Haaren einfällt, fühle ich mich gar wie in Hollywood – die Desperate Houswives lassen grüßen.
Irgendwann haben wir ein Resultat, mit dem İsmail zufrieden ist, und ein weiteres, das ihn so frustriert, dass er den Arbeitstag für beendet erklärt. Er gibt mir noch eine knappe Vorstellung davon, wie ich wieder heim komme, und schon ist er weg. So rein gefühlsmäßig, muss ich jetzt die breite Bağdat-Straße überqueren und irgendwo ein Dolmuş finden. Vielleicht vor dem Louis Vuitton-Laden? Ich bin noch nicht ganz drüben angekommen, da düst hupend und knatternd ein Dolmuş auf mich zu, reißt die Seitentür auf und hält dann neben mir an. Kadıköy?? frage ich skeptisch, und schon bin ich wieder in der Türkei. Neben mir quetscht sich ein junger Bursch auf die Rückbank, reicht meine 3 Lira nach vorne zum Fahrer und lehnt sich gelangweilt ans Fenster. “Sway me more” dudelt im Radio, und der Fahrer manövriert so schnell durch den Abendverkehr, dass ich kurz darauf seekrank in Kadıköy stehe und auf meine Fähre warte. Nach der Arbeit mit dem Boot von Asien nach Europa pendeln klingt vielleicht ein bisschen spektakulärer als es ist, ich genieße die 20-minütige Fahrt aber trotzdem. Bei einer Tasse Tee komme ich mit Fatma ins Gespräch, die diese Strecke täglich fährt. Sie gibt mir eine ganze Menge Tipps zu sehenswerten Orten in İstanbul und schenkt mir zum Abschied eine CD, die Freunde von ihr aufgenommen haben. 🙂

Der heutige Tag war echt eine nette Abwechslung zum Arbeiten daheim oder im touristischen Sultanahmet. 🙂

Es steht die Moschee im Schnee – so sche!

Als wir am Faschingsdienstag sanft in Istanbul aufsetzen, informiert uns der Pilot über das Wetter vor Ort. Von Schnee spricht er und von kalten Temperaturen. Ich habe mich darauf gefreut, dem Frühling ein Stück näher zu kommen? Wie mein Mitbewohner Richi hat offenbar auch der Winter einen kurzen Abstecher nach Istanbul geplant und so stellen wir beide, als wir am Taksimplatz aus dem U-Bahntunnel auftauchen, erstaunt fest, dass uns ganz sanft der Himmel auf den Kopf fällt. Wie Kamele beladen stapfen wir durch die weiße Wüste und weichen dabei dem einen oder anderen Schneeball aus, der von der Schneeballschlacht zwischen den Straßenstandlern abhanden kommt.

Sultan Ahmet im tiefsten Winter

Auch der nächste Tag, der eigentlich den Beginn meines Praktikums mit sich bringen sollte, versinkt im Schneechaos, und zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Schneefrei! Dass ich dafür von den Alpen ans Meer fahren muss, habe ich allerdings wirklich nicht erwartet. Anders als viele Einheimische, darunter alle Studenten und meine Arbeitskollegen, lassen uns Richi und ich von 10 cm Schnee nicht einschüchtern und nützen die besondere Stimmung, um ganz touristisch die Stadt zu erkunden. Gleich zu Beginn holen wir uns richtig kalte Zehen auf den frostigen und teilweise verschneiten Teppichen der Blauen Moschee. Dafür belohnt uns der Himmel im Anschluss mit strahlendem Sonnenschein, der die weiße Kuppel- und Turmlandschaft in eine ganz besondere Atmosphäre taucht: Ich fühle mich wie in einem russischen Märchen! Dieser Eindruck verstärkt sich noch, als wir gleich darauf wieder im dichten Schneegestöber versinken. So schnell wir im matschigen Untergrund vorwärts kommen, flüchten wir uns in den Kapalı Çarsı, den Bedeckten Markt. Als sich das Schneegestöber wieder legt, machen wir einen Fotoausflug in zauberhaft verschneite Gässchen und fallen dann in ein typisches Teehaus ein. Hier wärmen sich Einheimische und Touristen bei Çay und Wasserpfeife gemeinsam plaudernd auf. Bei dem Auftakt bin ich ja mal gespannt, was die nächsten Monate so bringen werden!