Category Archives: Nix verstehen? Weiterreden!

Türkische Sprache, schwere Sprache.

Benim kalbımın adı Yura

“Der Name meines Herzens ist Julia”. Noch kennen mein edler Ritter und ich uns grade mal gut genug, dass er sich die ersten beiden Laute meines Namens merken kann, und schon hat er sein Herz nach mir benannt! Wenn das nicht romantisch ist! Etwas überrascht bin ich von dieser Ehre doch: Hab ich dieses damals noch namenlose Herz nicht grade vor wenigen Tagen gebrochen, als ich beim besten Willen keinen Platz mehr hatte für die Nachspeise, die mir der Gentleman spendiert hat?

Ein paar Tage später ist das Lokal im Nebengebäude des Teppichpalastes dann wieder einmal die Notlösung für meinen knurrenden Magen. Als ich auf der sonnigen Terrasse meinen Stammplatz beziehe, erklärt gerade der besonders freundliche Kellner einem Touristen am Nebentisch den Unterschied zwischen Türkisch und Kurdisch. Ein paar Augenblicke später bringt ihn mein Anblick ganz aus der Fassung: “I missed you so much, my dear!!!” Dann ist er auch schon wieder schwer damit beschäftigt, andere Gäste zu betreuen, aber natürlich lässt sich ein … wie heißt der Gentleman eigentlich?…  jedenfalls lässt er es sich nicht nehmen, möglichst oft persönlich sicherzustellen, dass ich alles habe, was ich möchte oder wollen könnte. Was ich eigentlich genau bestellt habe, ist dabei relativ egal. Auch zwischendurch kommt er gerne auf ein paar freundliche Worte vorbei und traut mir durchaus immer wieder aufs Neue zu, dass ich ihn auch auf Türkisch verstehe. “Facebook’un var mı?” – “Nein, leider Facebook hab ich nicht“. Kein Problem, den rosaroten “Tee” (Granatapfel??) bekomme ich trotzdem geschenkt. Nachspeise gibts zu meiner Erleichterung diesmal keine. Zum Abschied flötet er mir noch nach “Do you know, how much I love you?“…

Ich werde es wohl nie genau heraus finden, denn mit dem Ende unserer Ausstellung wird es mich wahrscheinlich nicht mehr täglich nach Sultanahmet verschlagen. Ich kann jetzt wieder von einem Café meiner Wahl oder von meinem neuen Zuhause in Beşiktaş aus arbeiten. Dass ich damit nicht nur meinem Verehrer vom Mittagsbüffet, sondern auch den beiden lustigen Gesellen in unserem Stamm-Café deutlich seltener über den Weg laufen werde, ist einer der traurigen Nebeneffekte der neuen Freiheit.

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Türkische Sprache, schwere Sprache?

Bisher gefällt mir Türkisch sehr gut! Inzwischen habe ich die Sprachmelodie absorbiert und empfinde den Klang vokalharmonisch dahin rollender Silbenketten wie görüşürüz oder çayocağındayım als etwas angenehm Vertrautes. Auch ein paar Standardfloskeln von “Guten Morgen” bis “Ich mache ein Praktikum hier” habe ich schon intus. So richtig in Fluss will die Sprache in mir aber noch nicht kommen. Das liegt weniger an der aus indogermanischer Sicht ziemlich vertrackten Grammatik (sehr spannend!), sondern vor allem daran, dass ich die Grammatik nicht üben kann, wenn mir die ganzen neuen Wörter immer gleich wieder entwischen… Am Morgen sitze in der Straßenbahn und pauke die Vokabel, die ich über Nacht vergessen habe. Piş – schmutzig, temiz – sauber. Temiz, temiz, temiz! Jetzt merk ich’s mir aber wirklich mal! … Oder auch nicht…

In der Arbeit bemühe ich mich dann nach Kräften, das ganze türkische Gebrabbel rund um mich auszublenden und schaue ganz fest in meinen Computer rein. Plötzlich steht ein Gläschen Apfeltee neben mir. “Oh, ja… sehr nett! Teşekkür ederim! :)” Dann gehts weiter mit voller Konzentration, bis aus heiterem Himmel die große Hektik  ausbricht. Hui, der meint’s aber ernst! Der geht ja sogar mit dem Besen auf mich los! Ich kann grade mal meinen Computer in ein sicheres Eckerl schubsen und mein Handy schnappen, da sehe ich mich schon über die Teppiche sausen und auf der Terrasse verdutzt in die Sonne blinzeln. Etwas Gutes hat diese unverhoffte Arbeitspause definitiv: Ab jetzt gehört nicht nur temiz sondern auch gleich temiz yapmak, “sauber machen” fix zu meinem Vokabular.

ZENCEFİL – erste Einkäufe auf Türkisch

Letzte Woche ist mir der Nebel in der Zisterne doch ein bisschen zu feucht geworden und ich hab mich spontan verkühlt. Wenn man so kurzfristig krank wird und vergessen hat einzukaufen, ist selbst eine Privatwohnung mit großartiger Aussicht nicht so luxuriös wie eine heimelige Studenten-WG. Aber zum Glück ist der nächste Tante-Emma-Laden tatsächlich direkt gegenüber, ich muss mir also nur überlegen, ob ich den Heimweg in den 3. Stock in Kauf nehmen will. Ein stärkender Zitronen-Ingwer-Tee ist mir die Reise wert. Unten angekommen packe ich gleich eines meiner neuen Wörter aus und frage tapfer: Zencefil var mı? “Gibts Ingwer?” Leider knackst Onkel Emma mein sprachliches Selbstvertrauen gleich an, indem er einfach überhaupt nix versteht. Weder Türkisch, noch Englisch, noch irgendeine andere Sprache. In meiner Not kritzle ich ihm das Wort auf ein alte Rechnung und eine krakelige Zeichnung von einer Ingwerwurzel gleich dazu. Umsonst.

Während ich mich verzweifelt umsehe, ob er irgend etwas anderes hat, das mir bei meiner Verkühlung helfen könnte, betritt ein anderer Kunde den Laden. Ahhhh! Die Erlösung! Er spricht Englisch und Deutsch und versteht mich sofort. Zencefil var mı? fragt er und bekommt die gleiche Antwort. Tja… Allerdings hat er zufällig getrockneten Ingwer zuhause und verspricht, mir ein Stück zu schenken. Ich begleite ihn ein paar Stufen das Gässchen hinunter zu seiner Wohnungstüre, wo er mich aus Respekt nicht hineinbittet – nicht, dass die Nachbarn das falsch verstehen… Er erzählt mir aber von seiner Arbeit als Filmemacher und lädt mich herzlich ein, mal wieder zu kommen.

Wenige Minuten später stapfe ich die paar Treppen wieder hoch, mit einem Schatz in meiner Hand, der der verhutzelten Ingwerwurzel auf dem Kassenzettel gar nicht mal so unähnlich sieht. Und prompt treffe ich vor dem Haus auf Onkel Emma, der schon ganz wissbegierig wartet: Zencefil? Aaaaaah… Zencefil, zencefil… Da hab ich dem Herrn also was beibringen können. Das nächste Mal ist er wieder dran! 😉