Erster Mai in Beşiktaş

Erster Mai, Sonnenschein über İstanbul und ich lieg verkühlt im Bett. Na toll, das habe ich mir aber anders vorgestellt! Andreas, ein lieber Freund auf Weltreise, macht für ein paar Tage in Halt in İstanbul und wir wollten gemeinsam auf Großstadt-Safari gehen. Mein Mitbewohner hat mir zwar so und so geraten, heute zuhause zu bleiben, aber ein Bisschen Getümmel in den Straßen macht mir doch nix aus. Ich würde sogar gerne sehen, wie ein 1. Mai in İstanbul so ist!
Gestern Abend hat mich noch der Gesang einer Straßenband beim nahen Fischmarkt mit “Bella Ciao” in den Schlaf begleitet, heute morgen ist es dafür unerwartet ruhig. Doch während ich ins Sonnenlicht blinzle, höre ich immer wieder Hubschrauber über der Stadt knattern. Dazwischen rufen von verschiedenen Minaretten Muezzine zum Gebet. Der nächste in meiner Nachbarschaft ist ein besonders guter Sänger! Schön klingt das! Da schreckt plötzlich ein Knall die Möven auf meinem Hausdach auf, etwas wild Rauchendes saust durch die Luft und landet im Nachbargarten. Der Hund kommt sofort angelaufen, um das Ding zu beschnüffeln.. Das wird er bald bereuen, der Arme!
Auch ich bin neugierig und schaue aus dem Fenster. Zum Glück habe ich etwas mehr Abstand, denn dieser Rauch, der den Hund jetzt ganz verschluckt, der beißt auch mir ordentlich in den Augen! Schnell mache ich das Fenster zu. Tränengas?? Also damit habe ich wirklich nicht gerechnet! Mein Mitbewohner kommt vorbei und rät mir, auch den Vorhang vorzuziehen. Diesmal bin ich folgsam, offenbar schätzt er die Lage doch recht gut ein! Aber schon bald kommt meine Neugier zurück, als es laut wird in meiner Gasse. Ich luge vorsichtig durch einen Spalt im Vorhang hinunter. Eine Schaar schwarz vermummter Menschen läuft einer großen roten – kommunistischen? – Flagge hinterher. Eine Gruppe von Schlagstockträgern mit der Aufschrift “Polis” auf den erstaunlich großen Helmen nimmt die Verfolgung auf, dazwischen mutige Reporter. Auch sie mit Helmen und Gasmasken vor dem Gesicht. Als die Horde vorüber gezogen ist, hören wir Stimmen im Stiegenhaus. Durch das Guckloch können wir eine Gruppe junger Leute beobachten, die offenbar abwarten, bis sich der Tumult draußen legt. Da habe ich mir offenbar eine wirklich spannende Nachbarschaft für mein neues Zuhause ausgesucht.
Ich werfe den Computer an. Eine Nachricht von Andreas: Er wohnt am Taksimplatz. Dort ist alles voller Polizisten, aber der Platz selbst ist ganz leer – abgesperrt, damit die Demonstranten diesen symbolträchtigen Ort nicht erreichen können. Andreas hat entschieden, sich zu Fuß aufzumachen, aus Taksim raus, um am Meer und in Beşiktaş einen Spaziergang in ruhigerer Atmosphäre zu machen. Oje, oje, ob das wohl ein guter Plan ist? Ich glaube kaum, dass am Taksim Platz so viel mehr los ist, als hier…
Als er dann einige Zeit später wirklich bei mir anklingelt und mich zum Abendessen in ein nahes Restaurant entführen will, ist draußen wieder alles friedlich. Für Beşiktaş bedeutet das, dass es in den Gässchen nur so wimmelt von Menschen, die wie wir gemütlich bummeln, gefüllte Muscheln verkaufen, oder uns um jeden Preis die phantastischen Vorspeisen ihres Küchenchefs zeigen wollen. Davon lassen wir uns natürlich gerne überzeugen und genießen einen entspannten Abend in einem lauschigen Restaurant, mitten in Beşiktaş, das es heute durch die Kravalle bis in die deutssprachigen Medien geschafft hat…

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3 thoughts on “Erster Mai in Beşiktaş”

  1. Liebe Julia!
    Auch ohne Fotos ist dein Blog wirklich großartig lebendig und unglaublich spannend zu lesen! Es scheint dir sehr gut zu gehen und das freut mich! Ganz liebe Grüße aus dem gerade blitzblank vom starken Gewitter reingewaschenen Graz! Und eine herzliche Umarmung!
    Daniela

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  2. Klingt wirklich aufregend was du alles erlebst während deines Aufenthaltes in Istanbul. Deine Beschreibungen nehmen uns Leser wirklich mit in deine Welt 🙂
    Liebe Grüße
    Christine

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