Bitte nicht füttern!

Da wir “Künstler” als Gäste im Teppichladen arbeiten, habe ich natürlich kein eigenes Büro, sondern mache die ganzen graphischen Arbeiten in der Kantine. In der Teeküche, um genau zu sein. Obwohl ich ihnen da mit meinem ganzen Zeug, mit Computer, Stanleymesser und Wörterbuch gelegentlich ein bisschen den Platz zum Mittagessen blockiere, haben mich die Angestellten des Teppichladens sehr herzlich aufgenommen. Einer hat mir einmal erzählt, ich werde als die “kleine Schwester” im Team betrachtet.

Wenn auch einige (besonders die Anzugträger) mal längere Zeit im Ausland gelebt haben und sowieso ständig Touristenhorden durchziehen, bin ich als junge Österreicherin eindeutig die Exotin im Hause. Obwohl ich mir die Hippie-Sachen für freie Tage aufspare, komme ich mir in der Arbeit vor wie ein buntes Zebra. Leider haben die Zoowärter das “Bitte nicht füttern!”-Schild vergessen, jetzt werde ich über die Maßen verwöhnt, gefüttert, bequatscht und gestreichelt.

Ich bin mit meinem Arbeitsplatz halb beim Eingang zur Zisterne, halb in der Teeküche in einer Sonderposition. Einerseits bin ich so in beide Welten eingebunden, andererseits kriege ich trotzdem oft nix mit. Das heißt, ich kann ohne Rücksicht auf Hierarchien zu jedem Menschen freundlich sein und mich dann vor erwiderten Freundlichkeiten kaum erwehren. Auch wenn ich die Hierarchie noch lange nicht durchschaue, habe ich inzwischen immerhin zumindest eine Ahnung, mit wem ich in welcher Sprache reden kann, oder auch nicht:

Die Anzugträger sind entweder ganz besonders wichtige Menschen und ignorieren mich im großen und Ganzen (puh!). Oder aber sie sind hochgebildet (jeden Falls im Thema Teppich), sprechen eine oder eher gleich mehrere Fremdsprachen. Sie freuen sich in den Phasen, in denen sie sich nicht um Touristen kümmern dürfen, immer wieder über ein Pläuschchen ohne Verkaufsaussichten.

Aber auch die Sweatshirtträger, also die Teppich-Rangier-Experten quatschen mich immer wieder an, wenn sie zwischen den Teppichrollen herauskrabbeln und auf einen Tee in die Küche vorbeischauen. Viele von ihnen können ein bisschen Englisch oder wollen es unbedingt üben. Die meiste Zeit verbringe ich aber gemeinsam mit den Pullunderträgern in der Küche: Die beiden Teeköche sprechen fließend Türkisch und Kurdisch und versuchen auch immer wieder, mir beides gleichzeitig beizubringen, damit sie endlich mit mir reden können. Yavaş, yavaş. Ganz langsam lernen wir, uns zu verständigen.

Und dann gibts da noch die Dame in Rosa mit dem Putzlappen und die Showknüpferin, die heimlich Pläne schmieden, mich an einen Einheimischen zu verheiraten. Die eine beobachtet mich stundenlang beim Arbeiten und füttert mir Kekse, die andere zeigt mir bei Türkischem Kaffee, wie man Teppiche macht. Juchei!

Alle freuen sich über meine Aufmerksamkeit, stecken mir  allerlei Leckereien zu, die sie zur Hand haben. Von den unvermeidlichen leblebei “gerösteten Kichererbsen” über kuru üzüm “Rosinen” zu hausgemachtem börek “Strudel” und sogar Hühnchenflügel mit Gurkensalat, gleich zum Frühstück. Sie wollen mit mir reden, erzählen mir, dass sie 2 Kinder haben oder 6, dass ich nicht die AKP wählen darf, weil Erdoğan weißen Tee trinkt, dass meine Haare çok güzel sind. Sie fragen mich, ob mein Freund Kurde ist, ob ich verstanden hab, was sie gerade in den Nachrichten gezeigt haben… Oder sie sind ganz ehrlich und erzählen mir dass ihnen grade langweilig ist. Ja, danke für die Info, das freut mich zu hören! Meine Arbeit ist nach den letzten Rosinen grade langsam wieder in Schwung gekommen…

All diese nett gemeinten und doch etwas energieraubenden Ablenkungen werde ich vermissen, wenn ich ab jetzt wieder von zuhause aus arbeite. Unsere Ausstellung ist zu Ende, heute sind wir zum letzten Mal hier, um unsere Habseligkeiten einzusammeln. Immerhin gibts hier eine Zisterne, die man jederzeit mit rein touristischen Absichten besichtigen darf, wenn das Heimweh nach dem Untergrund zu stark wird. Und was die Teppich-Fritzen angeht, die freuen sich auf meinen Besuch. “Du bist jetzt eine von uns” hat mir einer gesagt. “Wenn du uns besuchen kommst, dann trinken wir einen Tee auf der Dachterrasse”. 🙂

Bye bye Su Ruhu, görüşürüz Nakkaş!

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