İstanbul, görüşürüz!

Ich habs geschafft, ich bin dem Sog der Großstadt entwischt! Seither ziehe ich durch Anatolien, durch das Land, dem İstanbul seine Bewohner abgesaugt und sie verschluckt hat, wie ein schwarzes Loch.

In İstanbul haben mich viele Leute gefragt, wie mir die Stadt gefällt, um mir dann gleich zu erzählen, wie groß und überbevölkert die Stadt doch ist. Vor drei Monaten noch habe ich dann meistens interessiert genickt und mich gefragt, ob sie denn die faszinierende Schönheit und die spannenden Kontraste und die vielen Möglichkeiten nicht erkennen. Inzwischen verstehe ich diese Leute. İstanbul hat mich bis zum Schluss überrascht und auf Trab gehalten und zugleich auch sehr angestrengt. 3 Monate sind bei weitem nicht genug, um sich ein gutes Bild vom Leben in dieser  Metropole zu machen, alles zu entdecken oder einen Bruchteil der Möglichkeiten zu nützen. Ich lasse vieles zurück, das ich gerne noch kennen gelernt hätte, und wahrscheinlich noch viel mehr, das ich nicht einmal ahne. Ich bin eine Woche lang noch und noch einen Tag länger geblieben als geplant, und könnte noch ewig so weiter machen ohne dass mir die Ideen ausgingen… und bin froh, dass ich mich losreißen konnte!

Istanbul steht niemals still. Es gibt immer einen Event, ein Museum, ein Couchsurfingtreffen, einen freundlichen jungen Mann, der eine zum Teetrinken einladen möchte… Die Distanzen sind lang. Mal schnell auf einen Kaffee gehen kann heißen, dass man eine Stunde mit 3 verschiedenen Verkehrsmitteln unterwegs ist. Natürlich nie alleine. Die Fähre bringt mit einem Mal zig oder hunderte von Menschen über den Bosporus und ein paar Minuten später genau so viele in die andere Richtung. Die meisten haben es irgendwie eilig. Und doch sind diese Meeresüberquerungen für viele eine Gelegenheit zum Atemholen. Meeresluft schnuppern, Möven füttern, einmal wieder die Augen heben und zwischendurch die Stadt genießen. Ist doch schön, wie dort am anderen Ufer die Ayasofya im Abendlicht steht, während wir dem Sonnenuntergang entgegen tuckern. Das vergisst man in der Hektik des ganz normalen Alltages all zu leicht.

Drüben angekommen möchten dann alle Leute in die gleiche Tram, es wuselt wieder ohne Ende. So viele Menschen überall! Je nachdem, wie man zählt, leben zur Zeit etwa 15 bis 20 Millionen Menschen in İstanbul, ca. 20 – 25% der Einwohner der Türkei. Die zweitgrößte Stadt ist Ankara, das mit 8 Millionen beinahe so viele Einwohner hat, wie ganz Österreich. Ankara ist zwar offiziell die Hauptstadt, im Vergleich zu Istanbul aber ein sehr ruhiges Städtchen. Davon konnte ich mir inzwischen selbst einen ganz kleinen Eindruck verschaffen. Meine Freunde und Bekannten haben mir alle davon abgeraten, Ankara zu besuchen, weil es einfach nix gäbe, das interessant sein könnte. Davon wollte ich mich selbst überzeugen, zumal alle Reiserouten an mein nächstes Ziel über Ankara gingen. Ich habe die Gelegenheit genützt um eine kleine Burg und das europäische Museum des Jahres 1997 zu besichtigen und einen netten Abend mit Einheimischen zu verbringen, die lieber in Ankara als in İstanbul wohnen. Für mich ist Ankara vielleicht nicht die Stadt der Träume, aber ich kann gut verstehen, dass es sich dort entspannter Lebt.

Jetzt bin ich wieder unterwegs im Bus, quer durch Anatolien. Gelegentlich tauchen kleine Siedlungen oder sogar Städte draußen auf. Großteils ziehen jedoch unglaublich schöne, weite und vor allem leere Ebenen an mir vorbei. Ich bin schon sehr gespannt, was dieses vielseitige Land, das ich jetzt schon ins Herz geschlossen hat, noch für mich bereit hält.

P.S.: diesen Artikel habe ich wenige Tage nach meiner Abreise aus İstanbul im Bus vorgeschrieben und dann vergessen, online zu stellen. Ich möchte ihn euch natürlich nicht vorenthalten. Dass die Türkei noch einige schöne Erfahrungen für mich vorgesehen hatte, hab ich vielen von euch ja inzwischen persönlich erzählen dürfen. Vielen Dank an meine treuen Leser, die vielen positiven Rückmeldungen und Kommentare! Teşekkür ederim!

C-A-F-F-E-E, trink nicht so vi-i-hiel …

Von wegen Kaffee! Tee ist das Getränk Nummer 1 in der Türkei. Türkischen Kaffee gibts auch, sehr guten natürlich, aber der ist seit dem Ende des Osmanischen Reiches sehr teuer geworden. Die Zubereitung wird daher gerne – und in touristischen Gegenden ganz besonders spektakulär – in Szene gesetzt. In kleinen Blechkännchen über offener Kohle schonend erhitzt und in verzierten Tässchen stilecht serviert ist Kaffee ein kleiner Luxus und als Begleiter im Tagesablauf eher typisch für Touristen als für Einheimische.

Echte Türken sind dafür richtig trinkfest, wenn es um den intensiven türkischen Schwarzee geht. Meine erste Bekanntschaft mit Türk çayı (wörtlich “Türkentee”) war ordentlich bittersüß und wenn ich ehrlich bin, ist das bis heute so. Inzwischen hab ich meine Geschmacksknospen zwar so gut kalibriert, dass ich mit einem Zuckerstück pro Gläschen auskomme, ein bisschen herb finde ich den Çay aber schon noch gelegentlich. Vollprofis passen die Zuckermenge an die Qualität des Tees an. Je besser und frischer der Tee, desto weniger Zucker braucht er. Am Anfang bin ich zur Sicherheit gerne auf die Touristen-Version Elma çayı “Apfeltee” ausgewichen, der braucht gar keinen Zucker, dafür schmeckt er oft unglaublich künstlich. Nach dem intensiven Training der letzten Wochen hab ich aber richtig Gefallen am echten Türkentee gefunden 🙂 Es ist einfach schön, wenn das Zuckerstückchen langsam zerfällt und sich im leuchtend rotbraunen Tee auflöst, begleitet vom zarten Klimpern des Teelöffelchens… Das Tulpenförmige Gläschen ist untrennbar mit dem Çay verbunden. In über 3 Monaten ist mir noch nie Tee in einem Keramikgefäß serviert worden. Meistens steht das Gläschen auf einer typischen rot-gold gemusterten Untertasse, hat ein winziges Löffelchen und ein bis zwei Zuckerwürfel als Begleitung. Dieses Bild ist mir so vertraut, wenn ich ein einziges Bild für die Türkei finden müsste, es würde definitiv ein Tee an zentraler Stelle auftauchen.

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Tatsächlich braucht man sich in den allermeisten Fällen nur genau umzusehen, um irgendwo ein Teegläschen zu entdecken, das gerade zubereitet, auf einem Blechtablett kutschiert oder genüsslich geschlürft wird. Oft genug taucht so ein Glas auch ungefragt neben einem auf, besonders im Restaurant nach dem Essen. Oder aber, es steht leer und verlassen in einer Ecke, am Randstein, am Fenstersims… Der Çaycı ist bestimmt schon unterwegs, um es abzuholen.

Improvisierte take-away Teeküche am Fuße der Galata-Brücke

Çaycı bedeutet Teemacher und scheint so ziemlich der häufigste Beruf des Landes zu sein. Ob sie ganz klischeehaft mit ihren voll gepackten Tabletts zwischen den Marktständen im Grand Bazar herumflitzen oder extra seriös den feinen Kunden im Teppichladen auftischen, Tee-Männer sind allgegenwärtig im türkischen Alltag. Jedes größere Unternehmen hat mindestens einen angestellt, der sich darum kümmert, den typischen Doppeldecker-Wasserkocher unten mit Heißwasser und oben mit konzentriertem Tee gefüllt zu halten, Mitarbeiter und Kunden mit Tee zu versorgen und später die überall verstreuten Gläser wieder einzusammeln. Dabei sind sie oft schneller, als ich den Tee trinken kann. Auch das ist kulturspezifisch: Wie beim Kaffee lassen die Einheimischen auch beim Tee meist einen kleinen Schluck im Glas zurück. Anders als beim Kaffee ist mir hier allerdings gar nicht klar, warum. Ein Überbleibsel der alten Kaffee-Kultur?

Cay_1Tee ist omnipräsent in İstanbul, zieht sich wie ein roter Faden durch den Tag und ist zugleich Vergleichsgrundlage und Begleiter beim Entdecken der Alltagskultur. War der Çay im Preis für das Essen inkludiert? Wie viel hat er gekostet, war er frisch? – Mit potentiellen Teppichkunden oder in etwas teureren Läden wird traditionell bei Tee verhandelt. Möchten Sie türkischen oder Apfeltee? Stark oder leicht? Wie viel Zucker nehmen Sie dazu? … Bedürftige Menschen versuchen Nachts mit einer Thermoskanne und Pappbechern ausgestattet ein kleines Einkommen zu verdienen, große Teehäuser oder winzige Tee-Küchen mit einer Hand voll kleiner Hocker dazu finden sich an jeder Ecke, und selbstverständlich bekommt man auf der Fähre auf dem Heimweg nach einem langen Tag den Çay zum Platz serviert.

Diesen kleinen Luxus habe ich mit Freude in meinen Alltag inkludiert. Jetzt wo ich in einem kleinen Zimmerchen in Beşiktaş wohne, verbringe ich gerne den ganzen Tag außer Haus und ziehe von einem Teehaus ins nächste. Obwohl der Tee mit einem Preis von 1-2 TL (30-60 Cent) ziemlich günstig ist, lasse ich mir doch gerne sehr viel Zeit mit jedem Gläschen – immerhin ist dieser Kaffee-Ersatz sehr stark gebraut und hat durchaus eine aufputschende Wirkung. Wenn ich zu lange keinen nachbestelle, kann es schon mal vorkommen, dass der Kellner anbietet, einen zu spendieren oder ungefragt ein großer Lindenblütentee neben mir auftaucht – oh nein! 😀 Spätestens dann ist es Zeit für einen erneuten Umzug.

Wir lesen uns im nächsten Teehaus, bis dann!

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Tourist mit Tee auf der Dachterrasse eines Teppichladens.

Erster Mai in Beşiktaş

Erster Mai, Sonnenschein über İstanbul und ich lieg verkühlt im Bett. Na toll, das habe ich mir aber anders vorgestellt! Andreas, ein lieber Freund auf Weltreise, macht für ein paar Tage in Halt in İstanbul und wir wollten gemeinsam auf Großstadt-Safari gehen. Mein Mitbewohner hat mir zwar so und so geraten, heute zuhause zu bleiben, aber ein Bisschen Getümmel in den Straßen macht mir doch nix aus. Ich würde sogar gerne sehen, wie ein 1. Mai in İstanbul so ist!
Gestern Abend hat mich noch der Gesang einer Straßenband beim nahen Fischmarkt mit “Bella Ciao” in den Schlaf begleitet, heute morgen ist es dafür unerwartet ruhig. Doch während ich ins Sonnenlicht blinzle, höre ich immer wieder Hubschrauber über der Stadt knattern. Dazwischen rufen von verschiedenen Minaretten Muezzine zum Gebet. Der nächste in meiner Nachbarschaft ist ein besonders guter Sänger! Schön klingt das! Da schreckt plötzlich ein Knall die Möven auf meinem Hausdach auf, etwas wild Rauchendes saust durch die Luft und landet im Nachbargarten. Der Hund kommt sofort angelaufen, um das Ding zu beschnüffeln.. Das wird er bald bereuen, der Arme!
Auch ich bin neugierig und schaue aus dem Fenster. Zum Glück habe ich etwas mehr Abstand, denn dieser Rauch, der den Hund jetzt ganz verschluckt, der beißt auch mir ordentlich in den Augen! Schnell mache ich das Fenster zu. Tränengas?? Also damit habe ich wirklich nicht gerechnet! Mein Mitbewohner kommt vorbei und rät mir, auch den Vorhang vorzuziehen. Diesmal bin ich folgsam, offenbar schätzt er die Lage doch recht gut ein! Aber schon bald kommt meine Neugier zurück, als es laut wird in meiner Gasse. Ich luge vorsichtig durch einen Spalt im Vorhang hinunter. Eine Schaar schwarz vermummter Menschen läuft einer großen roten – kommunistischen? – Flagge hinterher. Eine Gruppe von Schlagstockträgern mit der Aufschrift “Polis” auf den erstaunlich großen Helmen nimmt die Verfolgung auf, dazwischen mutige Reporter. Auch sie mit Helmen und Gasmasken vor dem Gesicht. Als die Horde vorüber gezogen ist, hören wir Stimmen im Stiegenhaus. Durch das Guckloch können wir eine Gruppe junger Leute beobachten, die offenbar abwarten, bis sich der Tumult draußen legt. Da habe ich mir offenbar eine wirklich spannende Nachbarschaft für mein neues Zuhause ausgesucht.
Ich werfe den Computer an. Eine Nachricht von Andreas: Er wohnt am Taksimplatz. Dort ist alles voller Polizisten, aber der Platz selbst ist ganz leer – abgesperrt, damit die Demonstranten diesen symbolträchtigen Ort nicht erreichen können. Andreas hat entschieden, sich zu Fuß aufzumachen, aus Taksim raus, um am Meer und in Beşiktaş einen Spaziergang in ruhigerer Atmosphäre zu machen. Oje, oje, ob das wohl ein guter Plan ist? Ich glaube kaum, dass am Taksim Platz so viel mehr los ist, als hier…
Als er dann einige Zeit später wirklich bei mir anklingelt und mich zum Abendessen in ein nahes Restaurant entführen will, ist draußen wieder alles friedlich. Für Beşiktaş bedeutet das, dass es in den Gässchen nur so wimmelt von Menschen, die wie wir gemütlich bummeln, gefüllte Muscheln verkaufen, oder uns um jeden Preis die phantastischen Vorspeisen ihres Küchenchefs zeigen wollen. Davon lassen wir uns natürlich gerne überzeugen und genießen einen entspannten Abend in einem lauschigen Restaurant, mitten in Beşiktaş, das es heute durch die Kravalle bis in die deutssprachigen Medien geschafft hat…

Benim kalbımın adı Yura

“Der Name meines Herzens ist Julia”. Noch kennen mein edler Ritter und ich uns grade mal gut genug, dass er sich die ersten beiden Laute meines Namens merken kann, und schon hat er sein Herz nach mir benannt! Wenn das nicht romantisch ist! Etwas überrascht bin ich von dieser Ehre doch: Hab ich dieses damals noch namenlose Herz nicht grade vor wenigen Tagen gebrochen, als ich beim besten Willen keinen Platz mehr hatte für die Nachspeise, die mir der Gentleman spendiert hat?

Ein paar Tage später ist das Lokal im Nebengebäude des Teppichpalastes dann wieder einmal die Notlösung für meinen knurrenden Magen. Als ich auf der sonnigen Terrasse meinen Stammplatz beziehe, erklärt gerade der besonders freundliche Kellner einem Touristen am Nebentisch den Unterschied zwischen Türkisch und Kurdisch. Ein paar Augenblicke später bringt ihn mein Anblick ganz aus der Fassung: “I missed you so much, my dear!!!” Dann ist er auch schon wieder schwer damit beschäftigt, andere Gäste zu betreuen, aber natürlich lässt sich ein … wie heißt der Gentleman eigentlich?…  jedenfalls lässt er es sich nicht nehmen, möglichst oft persönlich sicherzustellen, dass ich alles habe, was ich möchte oder wollen könnte. Was ich eigentlich genau bestellt habe, ist dabei relativ egal. Auch zwischendurch kommt er gerne auf ein paar freundliche Worte vorbei und traut mir durchaus immer wieder aufs Neue zu, dass ich ihn auch auf Türkisch verstehe. “Facebook’un var mı?” – “Nein, leider Facebook hab ich nicht“. Kein Problem, den rosaroten “Tee” (Granatapfel??) bekomme ich trotzdem geschenkt. Nachspeise gibts zu meiner Erleichterung diesmal keine. Zum Abschied flötet er mir noch nach “Do you know, how much I love you?“…

Ich werde es wohl nie genau heraus finden, denn mit dem Ende unserer Ausstellung wird es mich wahrscheinlich nicht mehr täglich nach Sultanahmet verschlagen. Ich kann jetzt wieder von einem Café meiner Wahl oder von meinem neuen Zuhause in Beşiktaş aus arbeiten. Dass ich damit nicht nur meinem Verehrer vom Mittagsbüffet, sondern auch den beiden lustigen Gesellen in unserem Stamm-Café deutlich seltener über den Weg laufen werde, ist einer der traurigen Nebeneffekte der neuen Freiheit.

Bitte nicht füttern!

Da wir “Künstler” als Gäste im Teppichladen arbeiten, habe ich natürlich kein eigenes Büro, sondern mache die ganzen graphischen Arbeiten in der Kantine. In der Teeküche, um genau zu sein. Obwohl ich ihnen da mit meinem ganzen Zeug, mit Computer, Stanleymesser und Wörterbuch gelegentlich ein bisschen den Platz zum Mittagessen blockiere, haben mich die Angestellten des Teppichladens sehr herzlich aufgenommen. Einer hat mir einmal erzählt, ich werde als die “kleine Schwester” im Team betrachtet.

Wenn auch einige (besonders die Anzugträger) mal längere Zeit im Ausland gelebt haben und sowieso ständig Touristenhorden durchziehen, bin ich als junge Österreicherin eindeutig die Exotin im Hause. Obwohl ich mir die Hippie-Sachen für freie Tage aufspare, komme ich mir in der Arbeit vor wie ein buntes Zebra. Leider haben die Zoowärter das “Bitte nicht füttern!”-Schild vergessen, jetzt werde ich über die Maßen verwöhnt, gefüttert, bequatscht und gestreichelt.

Ich bin mit meinem Arbeitsplatz halb beim Eingang zur Zisterne, halb in der Teeküche in einer Sonderposition. Einerseits bin ich so in beide Welten eingebunden, andererseits kriege ich trotzdem oft nix mit. Das heißt, ich kann ohne Rücksicht auf Hierarchien zu jedem Menschen freundlich sein und mich dann vor erwiderten Freundlichkeiten kaum erwehren. Auch wenn ich die Hierarchie noch lange nicht durchschaue, habe ich inzwischen immerhin zumindest eine Ahnung, mit wem ich in welcher Sprache reden kann, oder auch nicht:

Die Anzugträger sind entweder ganz besonders wichtige Menschen und ignorieren mich im großen und Ganzen (puh!). Oder aber sie sind hochgebildet (jeden Falls im Thema Teppich), sprechen eine oder eher gleich mehrere Fremdsprachen. Sie freuen sich in den Phasen, in denen sie sich nicht um Touristen kümmern dürfen, immer wieder über ein Pläuschchen ohne Verkaufsaussichten.

Aber auch die Sweatshirtträger, also die Teppich-Rangier-Experten quatschen mich immer wieder an, wenn sie zwischen den Teppichrollen herauskrabbeln und auf einen Tee in die Küche vorbeischauen. Viele von ihnen können ein bisschen Englisch oder wollen es unbedingt üben. Die meiste Zeit verbringe ich aber gemeinsam mit den Pullunderträgern in der Küche: Die beiden Teeköche sprechen fließend Türkisch und Kurdisch und versuchen auch immer wieder, mir beides gleichzeitig beizubringen, damit sie endlich mit mir reden können. Yavaş, yavaş. Ganz langsam lernen wir, uns zu verständigen.

Und dann gibts da noch die Dame in Rosa mit dem Putzlappen und die Showknüpferin, die heimlich Pläne schmieden, mich an einen Einheimischen zu verheiraten. Die eine beobachtet mich stundenlang beim Arbeiten und füttert mir Kekse, die andere zeigt mir bei Türkischem Kaffee, wie man Teppiche macht. Juchei!

Alle freuen sich über meine Aufmerksamkeit, stecken mir  allerlei Leckereien zu, die sie zur Hand haben. Von den unvermeidlichen leblebei “gerösteten Kichererbsen” über kuru üzüm “Rosinen” zu hausgemachtem börek “Strudel” und sogar Hühnchenflügel mit Gurkensalat, gleich zum Frühstück. Sie wollen mit mir reden, erzählen mir, dass sie 2 Kinder haben oder 6, dass ich nicht die AKP wählen darf, weil Erdoğan weißen Tee trinkt, dass meine Haare çok güzel sind. Sie fragen mich, ob mein Freund Kurde ist, ob ich verstanden hab, was sie gerade in den Nachrichten gezeigt haben… Oder sie sind ganz ehrlich und erzählen mir dass ihnen grade langweilig ist. Ja, danke für die Info, das freut mich zu hören! Meine Arbeit ist nach den letzten Rosinen grade langsam wieder in Schwung gekommen…

All diese nett gemeinten und doch etwas energieraubenden Ablenkungen werde ich vermissen, wenn ich ab jetzt wieder von zuhause aus arbeite. Unsere Ausstellung ist zu Ende, heute sind wir zum letzten Mal hier, um unsere Habseligkeiten einzusammeln. Immerhin gibts hier eine Zisterne, die man jederzeit mit rein touristischen Absichten besichtigen darf, wenn das Heimweh nach dem Untergrund zu stark wird. Und was die Teppich-Fritzen angeht, die freuen sich auf meinen Besuch. “Du bist jetzt eine von uns” hat mir einer gesagt. “Wenn du uns besuchen kommst, dann trinken wir einen Tee auf der Dachterrasse”. 🙂

Bye bye Su Ruhu, görüşürüz Nakkaş!

Wasserseele

Ein paar Tage noch, dann geht “unsere” Ausstellung Su Ruhu Wasserseele auch schon wieder zu Ende. Schade! Damit ihr euch zumindest ein vages Bild davon machen könnt, wofür meine Kollegen (und ich) fast 2 Monate lang gearbeitet haben, erlaube ich mir, einen Auszug aus einem Mail an einen Freund mit euch zu teilen.

Su Ruhu kannst du dir zum Beispiel so vorstellen:

Du kommst die Treppen in die dunkle Zisterne hinunter. Wenn du zufällig grade den Anfang eines Zyklus erwischst, ist es unten stockfinster. Wenn du eine alte Dame bist, hast du jetzt Angst und wartest lieber draußen in der Sonne auf deine Reisegruppe. Sonst gehst du tapfer weiter, über den feuchten, etwas rutschigen Holzboden in die Dunkelheit hinein. Du bemerkst, dass quer über deine Beinen eine helle Linie verläuft. Eigentlich sieht’s so aus, als würdest du im Wasser stehen, und es klingt auch so, wenn du aufstapfst (der Nebel hinterlässt ordentliche Pfützen da unten). Dann steigt der Wasserspiegel. Vielleicht hast du Lust, in diesem Nebelmeer vor deinem Bauch herumzuspielen. Dann steigt der Spiegel weiter, du überlegst, ob du dir Sorgen machen musst, gleich zu ersticken. Aber es ist ja nur die Wasserseele, kein echtes Wasser, dass dir bis zum Hals steht, bald über deinem Kopf schwebt. Dann macht es leise tsssssssss und Nebel fällt von oben auf die helle Schicht, malt schöne Muster rein, macht dein Gesicht und deine Haare feucht. Plötzlich wird es ganz, ganz dunkel, sphärische Klänge vermitteln das Gefühl, ganz tief ins Wasser eingetaucht zu sein. Wenn du eine mittel alte Dame bist, sagst du jetzt zur österreichischen Touristenführerin: “Sehr beeindruckend, sehr schön!” und eine halbe Sekunde später zu deinem Mann: “Ich geh dann mal hoch”. Dadurch verpasst du leider, wie es in der Ferne, am Ende der Zisterne ganz, ganz langsam hell wird. Eine großes, blau schimmerndes Licht zieht dich weiter rein zwischen die im Nebel versunkenen Säulen und geht langsam wieder aus. Dafür werden jetzt links und rechts die Wände der Zisterne sichtbar, Wasserreflexionen tanzen über die alten Mauern, das Licht geht rhythmisch an und wieder aus, die Zisterne atmet im Rhythmus der Wasserseele. 1000x1000_190Dann wird es wieder dunkel, bald bemerkst du, wie der Wasserspiegel zu sinken beginnt, du freust dich darauf, noch einmal den Moment erleben zu dürfen, in dem du mit dem Wasserspiegel auf Augenhöhe bist, bevor er ganz absinkt und deine Knöchel umspielt. Wenn du ein aufgeschlossener Tourist bist, gehst du langsam wieder rauf, bedankst dich freundlich, schenkst den Künstlern ein Lächeln und sagst: “Very nice, thank you!” 🙂 bevor du von den netten Herren im Erdgeschoss ein Gespräch verwickelt wirst und gleich eine ganze Menge über Teppiche erfährst. Wenn du aber ein Kunst-interessierter Mensch, egal welchen Alters bist, bleibst du gleich unten und gibst dir den nächsten Zyklus. Wenn du rauf gehst, bist du ganz verpeilt, strahlst über das ganze Gesicht und sagst der freundlich lächelnden türkischen Künstlerin: “Wunderbar, ich bin begeistert! Sehr beeindruckend! Vielen Dank! Sehr schön!!!”, nimmst dir noch einen Flyer mit und bemerkst die Teppichmeier gar nicht.

Näymaşin, Näymaşin!

Höre ich richtig? Ja! “Näymaşin, gut price, only for you, Leddey!” track, track, track, track, track!  Schon bekomme ich eine Vorführung von dem Ding, das aussieht wie eine Klammerlmaschine und doch eine Spur aus bunten Stichen auf dem Probe-Fetzerl hinterlässt. Ich liebe Fremdwörter! Seine Taschen-Nähmaschine hab ich dem Burschen aber trotzdem nicht abgekauft. Schade, sonst könnt ich jetzt ein bisschen herum tackern, nur so zum Spaß. Track, track, track!

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